Nicht nur das Sommerwetter enttäuscht, auch Weltwirtschaft schwach. Inflationsbekämpfung fordert Tribut. Der Staat konsumiert auf Kredit, Bürger und Unternehmen zahlen. EZB verspielt die Autorität.

Der ganze Metallkomplex ist unter Druck. Doch folgt auf die Konsolidierung in der Regel die Normalisierung, bevor es zu einer Trendwende kommt. Frühe Signale deuten in diese Richtung.

Klimaschutz benötigt Rohstoffe. Gleichermaßen bedrohen (die falschen) Rohstoffe das Klima und die Umwelt. Alle Welt macht sich Gedanken um die Herkunft der für Zukunftstechnologien kritischen Rohstoffe.

Neben der Tiefsee, kommt daher auch der Mond als Quelle in den Fokus. Und die Steigerung des Recyclings. Nicht von ungefähr arbeitet die deutsche Bundesregierung daher an einer Kreislaufwirtschaftsstrategie.

Weltwirtschaft kommt nicht richtig auf die Beine
Der Hochsommer in Deutschland war nicht nur wetterseitig eine Enttäuschung, auch kommt die Wirtschaft national wie global noch nicht richtig in Trab. Immerhin steigen jetzt wieder die zuvor herbstlichen Temperaturen. Während die Währungshüter zur intensiven Inflationsbekämpfung, zunächst in den USA und dann auch in Europa, kräftig und kontinuierlich die Zinsschraube nach oben gedreht haben, lässt auch die eigentlich erwartete, deutliche Erholung in China nach dem Ende der rigiden Coronamaßnahmen weiter auf sich warten. Wenn diese denn überhaupt noch kommt. Der Kapitalmarkt scheint inzwischen auch an der mittel- bis langfristig eher fragwürdigen Formel „Bad News is Good News“ für China zu zweifeln. Denn die erhofften, wesentlichen Stützungsmaßnahmen durch die Regierung bleiben bislang aus.

So ist es in dieser komplexen Gemengelage aus erheblichen, monetären und geopolitischen Herausforderungen, fehlender Klarheit und Zuversicht, verbunden mit der üblichen sommerlichen, konjunkturellen Abkühlung nicht verwunderlich, dass das dritte Geschäftsquartal in vielen Sektoren der Industrie eher nicht als ein historisches Rekordquartal bezeichnet werden wird. Von denen waren, für die Stahlindustrie erfreulich, gerade in den Geschäftsjahren 2021 und 2022 einige zu beobachten. Die Party ist erst einmal vorüber, wobei auf die Konsolidierung, welche schon längst im Gange ist, in aller Regel eine Normalisierung folgt.

So hat sich die Nickelnotierung an der London Metal Exchange (LME), der von manchen Marktteilnehmern nach wie vor der Status einer universellen Referenz für Nickelrohstoffe (trotz bestehender Abschläge und Prämien zur Reflektion individueller Angebots- und Nachfrageverhältnisse sowie unterschiedlicher Güten) abgesprochen wird, im Laufe des Monats von USD 22.500/mt auf bis zu knapp über USD 20.000/mt reduziert. Ob bei sinkenden Preisen die Stimmen der LME-Zweifler zum Schweigen kommen, ist schwer zu sagen, aber nicht ausgeschlossen. Denn im Kern geht es den Kritikern vor allem darum, möglichst wenig für die Rohstoffe zu bezahlen. Das gilt allerdings nicht für die eigene Verkaufsseite, da darf der Preis auch gerne höher sein. Insgesamt ökonomisch nachvollziehbare, aber nicht immer sachlich richtige Gedanken.

Der ganze Metallkomplex schwächelt
Der Verfall des Nickelpreises erfolgte im Gleichschritt mit den an der LME notierten Industriemetallen Kupfer und Aluminium (der sogenannte Metallkomplex), womit deutlich wird, dass es sich bei der letzten Preisbewegung nicht um ein spezielles Thema bei Nickel handelt, sondern dass der eher schwache makroökonomische Ausblick und der aktuell reduzierte Bedarf die wesentlichen Treiber der Entwicklung sind. Bei aller gegenwärtigen Schwäche lässt das aber für den weiteren Jahresverlauf hoffen, weil das eine für die Jahreszeit nicht ungewöhnliche Situation ist.

Auch wenn bei der Breite und Tiefe der Herausforderungen eine schnelle Rückkehr auf die Rekorde mancher Vorquartale unwahrscheinlich ist, gibt es doch vorsichtige Signale, dass der bereits seit einiger Zeit laufende Lagerabbau dazu geführt hat, dass die Pipeline nun doch relativ leer gefallen ist. Und damit sind natürlich nicht North Stream 1 und 2 gemeint, sondern die Lieferfähigkeit zum Beispiel bei Edelstahl, aber auch bei anderen Materialien. Allem Anschein nach, könnte daher schon ein geringes Anziehen der Nachfrage und wenn auch zunächst nur im Sinne eines Re-Stockings die Situation an den Märkten grundlegend ändern. Wie gesagt nicht auf Rekordniveau, aber doch auf einem auskömmlichen Level.

Die Tatsache, dass in den USA immer lauter über ein Ende des Zinserhöhungszyklus gesprochen wird, könnte ein weiterer früher Bote dafür sein, dass doch ein „Soft landing“ bevorstehen könnte. Die Finanzanalysten mancher Bankhäuser haben daher schon die Prognosen für eine sich in den USA entwickelnde Rezession kassiert oder zumindest abgeschwächt. Die Europäische Zentralbank um Christine Lagarde hingegen bleibt eine große Enttäuschung, da sich irgendeine eigene Logik oder Dynamik in der europäischen Inflationsbekämpfung oder die so wichtige prägnante Kommunikation nur bei großer Sympathie erkennen lässt. Vielmehr nimmt man in Frankfurt am Main die „Vorlagen“ der Notenbank Federal Reserve in den USA zur Kenntnis und vollzieht diese dann mit einigem Abstand nach.

 Klimaschutz braucht Rohstoffe
Rohstoffe und der Zugang zu Rohstoffen sind elementar für ein entsprechendes Wirtschaftswachstum. Aber nicht nur das. Viele Themen wie die Energiewende, die Bekämpfung des Klimawandels, die Herstellung von Elektroautos, Flugzeugen, bis hin zum Maschinen- und Anlagenbau: Rohstoffe sind für Technologien und Produkte unverzichtbar. Gerade die Energiewende wird, so zeigen es verschiedene Langfristprognosen, zu einem deutlichen Nachfrageanstieg für Metalle wie Kupfer, Nickel, Cobalt, Lithium und auch anderen sogenannten kritischen Rohstoffen führen. Erst kürzlich hat die International Energy Agency hierzu ihre Erwartungen und Prognosen in einer „Critical Minerals Market Review“ niedergeschrieben. Im Basis-Szenario wird allein der Bedarf an Nickel bis 2030 um 5% pro Jahr bzw. 1,5 Mio. Tonnen auf 4,5 Mio. Tonnen wachsen.

Den Anwendungsgebieten, die sich aus der Energiewende ergeben, wie zum Beispiel der Elektromobilität, kommt dabei ein überdurchschnittliches Wachstum von 20% pro Jahr zu. Das bedeutet, dass sich der Bedarf beinahe verfünffachen und im Jahr 2030 fast die Hälfte des Gesamtbedarfs ausmachen wird. Es sei jedoch erwähnt, dass dieses Basis-Szenario zugrunde legt, dass alle staatlichen und nicht-staatlichen Verpflichtungen hinsichtlich CO2 Einsparungen und Energiewende eingehalten werden. Demgegenüber ergibt das „Net-Zero-Emissions 2050“ Szenario eine noch größere Nachfrage. In diesem wächst das Gesamtmarktsegment um 9% und der durch die Energiewende getriebene Bedarf um 29% pro Jahr auf 5,8 Mio. Tonnen bzw. 3,5 Mio. Tonnen. Selbst in der als Status Quo anzusehenden Prognose wird noch eine Steigerung um mindestens 15% oder 1 Mio. Tonnen erwartet.

 Alte und neue Explorationsgründe: Die Tiefsee und der Mond
Langfristprognosen dieser Art und die Frage, aus welchen Ressourcen denn diese große Nachfrage zu bedienen sei, bringen altbekannte, aber auch neue Explorationsgründe für Rohstoffe in die Diskussion. Der Tiefseebergbau ist ein solch alter Bekannter: seit den 1960er Jahren werden die mineralischen Rohstoffvorkommen der Tiefsee erforscht. Gegen Ende der 1970er Jahre wurden, vor dem Hintergrund sinkender Metallgehalte in sulfidischen und lateritischen Erzen, diese Vorkommen bereits als realistische Möglichkeit angesehen, zukünftige Nachfragelücken bei u.a. Nickel, Mangan oder Kupfer decken zu können.

Deutschland war zu jener Zeit einer der Vorreiter in der Erkundung. Zur „Arbeitsgemeinschaft meerestechnisch gewinnbarer Rohstoffe“ (AMR) gehörten unter anderem die Unternehmen Preussag und die Metallgesellschaft. Gegenwärtig hält die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft und Klimaschutz zwei Explorationslizenzen: eine im Pazifik und eine im Indischen Ozean. Die Deutsche Explorationslizenz im Pazifik liegt in der sogenannten „Clarion-Clipperton Bruchzone“, südöstlich von Hawaii, und ist eine von aktuell 19 vergebenen Lizenzen. Weitere Lizenzen liegen unter anderem bei China, Russland, India, aber auch Japan, Südkorea sowie Frankreich und Großbritannien. Verwaltet werden die Explorationslizenzen und letztlich auch die Bergbaukonzession durch die Internationale Meeresboden­behörde (IMB), einer Organisation der Vereinten Nationen. 

Bei den in der Clarion-Cliperton Bruchzone erforschten Vorkommen handelt es sich um sogenannte Manganknollen. Diese sind polymetallisch und enthalten neben Mangan auch Kupfer, Nickel oder Kobalt. Vorreiter einer kommerziellen Exploration ist die Firma „The Metals Company“. Unterstützt durch den Inselstaat Nauru liegt der IMB ein Antrag zum Abbau vor. In 2022 hat das Unternehmen eine Pilotanlage zum Sammeln der Manganknollen vom Meeresboden in Betrieb genommen, sich aber zuletzt verpflichtet, eine tiefergehende Umwelt- und soziale Verträglichkeitsstudie durchzuführen.

Der Tiefseebergbau ist aufgrund seines Eingriffs in die Meeresbiologie umstritten. 2021 hatten sich Unternehmen wie Google, BMW und die Volkswagen Group einem Aufruf des World Wildlife Fund (WWF) für ein Moratorium des Tiefseebergbaus angeschlossen. Aktuelle Studien und Life Cycle Assessments sprechen dem Tiefseebergbau jedoch einen geringeren CO2 Ausstoß pro Tonne Nickel und zum Teil gar bessere Umweltverträglichkeit zu als im konventionellen Bergbau, zum Beispiel in Indonesien. Auf die Probleme dort sind wir bereits in der letzten Rohstoff News ausführlicher eingegangen.

Doch das weitere Erkundungsinteresse der Menschheit ist inzwischen nicht nur allein auf die Tiefsee beschränkt. So folgt auf die Tiefsee der Mond: in der nächsten Dekade soll auch dort nach Rohstoffen geschürft werden, so ein Vertreter der NASA auf einer Bergbaukonferenz in Australien. Wie Pressemeldungen berichten, stünden zunächst Sauerstoff und Wasser im Fokus, dann aber auch die Gewinnung von Eisen oder Seltenen Erden aus Mondgestein. Die von Russland in diesem August gestartete Luna-25 Mission soll über ein Jahr lang zunächst einmal nur nach Wasser suchen. 

 Und wie blickt die Europäische Union auf kritische Rohstoffe?
Im März dieses Jahres hat die Europäische Kommission mit dem sogenannten „Critical Raw Materials Act“ ein Maßnahmenpaket vorgestellt, welches eine langfristige und nachhaltige Versorgung der Europäischen Union mit entsprechend als kritisch betrachteten Rohstoffen sicherstellen soll. Als solche kritischen Rohstoffe wurden neben den sogenannten Seltenen Erden oder den Platin Gruppen Metallen auch eben jene Metalle Kobalt, Kupfer und Nickel identifiziert. Diese besitzen eine, wie zuvor beschrieben, sehr hohe Relevanz für die Energiewende. Die Verordnung führt Richtwerte für entsprechende Kapazitäten entlang der Rohstofflieferkette und für eine Diversifizierung der Versorgung bis Ende 2030 ein:

  • Mindestens 10% des Bedarfs der Europäischen Union soll durch eigenen Abbau,
  • mindestens 40% durch eigene Verarbeitung und
  • mindestens 15% durch Recycling gedeckt werden.

Hinzu kommt eine Vorgabe, dass nicht mehr als 65% des Bedarfs aus einem einzigen Drittland stammen soll. Aus dem Europäischen Rat kam Ende Juni dann noch die strengere Forderung, dass mindestens 20% durch Recycling und mindestens 50% durch eigene Verarbeitung zu decken seien. Es wird erwartet, dass Rat und Parlament über die Verordnung bis Jahresende final entschieden haben werden.

 Bundesregierung arbeitet an Nationaler Kreislaufwirtschaftsstrategie (NKWS)
Wie aus den Vorgaben (vgl. unter anderem auch der vorstehende Abschnitt) ersichtlich, kommt dem Recycling eine entscheidende Funktion bei der Minderung von Versorgungsrisiken zu. In Deutschland arbeitet daher das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, nukleare Sicherheit und Verbraucherschutz (BMUV) an einer entsprechenden Nationalen Kreislaufwirtschaftsstrategie, kurz: NKWS. Die NKWS soll einen übergeordneten, strategischen Rahmen darstellen, in der die Bundesregierung Ziele, grundlegende Prinzipien und Maßnahmen festlegt, die alle rohstoffpolitisch relevanten Detail-Strategien unterstützen.

Sie definiert damit, wo und wie die Bundesregierung relevante Anreize und Rahmenbedingungen setzen kann, um im Sinne der „3R“ „Re-duce“, „Re-use“ und „Re-cycle“ zu mehr zirkulärem Wirtschaften zu kommen. Die Maßnahmen sollen dabei insbesondere darauf gerichtet sein, Marktbedingungen für Sekundärrohstoffe zu verbessern und ihren Anteil am Rohstoffeinsatz deutlich zu steigern. Ferner geht es auch darum Rohstoffeffizienzen zu verbessern und eine Produktgestaltung zu fördern, die auf Lebensdauer, Reparier- und Rezyklierbarkeit setzt.

Natürlich zielt die NKWS auch auf den Umwelt- und Klimaschutz und das Potenzial der Einsparung von Treibhausgasemissionen. „In zentralen Branchen unserer Wirtschaft wird der überwiegende Teil der Treibhausgasemissionen nicht bei der Produktion der Endprodukte, sondern bei der Gewinnung von Rohstoffen und der Herstellung von Vorprodukten verursacht“, schreibt das Ministerium. 

Übertragen auf die Stahlindustrie kommt dem Recycling und entsprechend dem Sekundärrohstoff Stahl- Edelstahlschrott eine entscheidende Rolle bei der Dekarbonisierung der Stahlproduktion zu. Positiv anzumerken ist in diesem Zusammenhang, dass das Recycling von Stahlschrott und die Umwandlung in einen Sekundärrohstoff von Hause aus konform mit der EU-Taxonomie ist, also bereits aktuell als eine grüne Industrie zu klassifizieren ist.

LME (London Metal Exchange)

LME Official Close (3 Monate)
17. August 2023
  Nickel (Ni) Kupfer (Cu) Aluminium (Al)  
Official Close
3 Mon.Ask
20.135,00
USD/mt
8.258,00
USD/mt
2.171,50
USD/mt
 
LME Bestände in mt
  14. Juni 2023 17. August 2023 Delta in mt Delta in %
Nickel (Ni) 37.116 37.110 – 6 – 0,02%
Kupfer (Cu) 84.250 91.400 + 7.150 + 8,49%
Aluminium (Al) 572.775 487.100 – 85.675 – 14,95%

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