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LME-Nickel-Preise weiter fest trotz makroökonomischer Schwächephase. Backwardation und Lagerbestandsentwicklung suggerieren Knappheit für kurzfristige Lieferung. Doch es gibt andere Gründe.
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Börsenlagerbestände für Nickel im freien Fall. Größter Rückgang seit Jahrzehnten. In der ersten Oktoberwoche werden 25.000 Tonnen Nickel abgeholt. Bestände nun unter 100.000 Tonnen.
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Marktgerüchte vermuten großen Käufer. Dieser soll Interesse an dem physischen Nickel haben. Das würde Abgänge erklären. Die Frage ist, wird Nickel tatsächlich verbraucht oder handelt es sich um eine Spekulation.
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Unterschiedliche Bewertung für die Nickelrohstoffe sorgt für Fehlallokationen, ökonomisch und ökologisch. Bei Kupfer wird die Produktion der Kupferhütten nun aus dem All überwacht.
Der Nickelpreis an der London Metal Exchange (LME) stemmt sich weiter – und das bislang erfolgreich – gegen den allgemeinen, makroökonomischen Downtrend. Surreal mutet es daher an, dass sich der LME-Nickelmarkt ausgerechnet jetzt in einer Backwardation befindet. Das heißt, der Kasse- oder Spotpreis, mit anderen Worten: der Preis für sofortige Lieferung liegt, trotz allgemein guter physischer Verfügbarkeit, über dem Termin- bzw. Futures-Preis, dem Preis für Lieferung in der Zukunft (zum Beispiel in drei Monaten). So handeln Spotkontrakte im Vergleich zum Preis des 3-Monats-Futures mit Aufschlägen von teilweise mehr als USD 200/mt und damit auf dem höchsten Stand seit 12 Jahren.

Diesen Zustand kann man nur als technische Marktverwerfung interpretieren. Vermutlich gibt es Marktteilnehmer, die auf die nahen Termine „short“ sind, bzw. Verkaufspositionen halten und von dominanten Marktteilnehmern „gesqueezed“ bzw. ausgepresst werden, wie man in der Börsensprache sagt. Kein schöner Zustand, aber Realität an der ältesten Metallbörse der Welt. Ein Übriges tun in diesem Zusammenhang die seit einigen Tagen bei Nickel andauernden, erheblichen Abflüsse aus den LME-Lagerhäusern, die eine weiter steigende Marktenge für prompte Lieferung suggerieren und scheinbar auch optisch sichtbar machen. Sollte sich dieser Zustand fortsetzen, wäre es erstaunlich, wenn die LME nicht reagiert.

Die Entwicklung der Lagerbestände in den von der LME zertifizierten Lagerhäusern wird häufig als Indikator für die zugrunde liegende Angebots- und Nachfragesituation der jeweiligen Rohstoffe verwendet. Wie vorstehend erwähnt, haben die Lagerbestände für Nickel in den vergangenen Wochen bemerkenswert abgenommen. Inwieweit damit dem Markt tatsächlich Nickel entzogen oder nur aus dem sichtbaren in den unsichtbaren Bereich verschoben wird, ist derzeit noch unklar. Betrugen die Lagerbestände Mitte September noch rund 160.000 Tonnen Nickel, was zu dem aktuellen Preisniveau einem Marktwert von ca. 2,9 Mrd. USD entspräche, so haben diese sukzessive auf aktuell 94.134 Tonnen Nickel oder um rund 42,7% massiv abgenommen. Allein in der ersten Oktoberwoche verließen netto 25.000 Tonnen Nickel mit einem Marktwert von zirka 440 Mio. USD die LME-Läger.

Dies ist der größte Rückgang in der vier Jahrzehnte andauernden Historie des Nickel-Terminhandels in London. Da diese Verkäufe privat sind, gibt es dazu kein offizielles Statement der LME. Glaubt man Marktgerüchten, über die Bloomberg berichtet, so verbirgt sich der weltweit größte Edelstahlproduzent Tsingshan Holding Group Co. Ltd. in Kooperation mit verschiedenen Investmentbanken, wie JPMorgan Chase & Co., hinter diesen Käufen. Angeblich soll das Unternehmen die vollständige Auslieferung des physischen Nickels aus den LME-Lagerhäusern planen. So will der Edelstahlproduzent seinen Nickelbedarf sichern, der durch das drohende Exportverbot unraffinierter Nickelerze aus Indonesien in Gefahr geraten könnte, wenn man den Interpretationen glauben kann. Doch ist auch nicht auszuschließen, dass diese Meldung auf Bloomberg bewusst gestreut wurde, um die eigentlichen Ziele dieser Transaktionen im Dunkeln zu lassen. Man muss sich natürlich fragen, was mit den Nickelpreisen passiert, wenn dieser potente Marktteilnehmer die Käufe beendet hat oder sogar damit beginnen sollte, Nickel wieder zu verkaufen.

Konkret und gegenwärtig hat sich Nickel in einer Bandbreite zwischen USD 17.000/mt und USD 18.000/mt eingerichtet. Das Basismetall handelt dort eigentlich schon seit Anfang September, nachdem die Preise innerhalb von fünf Tagen von USD 15.500/mt auf bis zu USD 18.850/mt katapultiert wurden. Ob schon dieser Anstieg im Zusammenhang mit den vorstehend beschriebenen Lagerabgängen steht, ist schwer zu ermessen. Klar ist jedenfalls, dass die Aufwärtsbewegung bei Nickel jeweils an der Shanghai Futures Exchange (SHFE) seinen Anfang nahm und dann jeweils zu europäischen Geschäftszeiten an der LME nachvollzogen wurde. Da bislang an der SHFE nur chinesische Unternehmen oder Marktteilnehmer mit in China registrierten Unternehmen handeln dürfen, scheint nachvollziehbar aus welcher Richtung der (Rücken-)Wind weht.

Die wesentlichen Abnehmer für physisches Nickel scheint das nicht zu scheren, denn diese haben aktuell – nun wieder ganz im Einklang mit der gesamtwirtschaftlichen Lage – nur einen geminderten Bedarf. Denn die Auftragseingänge lassen leider zu wünschen übrig. In einmütiger Eintracht werden daher seitdem die Preise nach unten verhandelt. Dabei wird auch immer wieder mit der Wettbewerbsfähigkeit der chinesischen und indonesischen Edelstahlproduzenten aufgrund des Primärrohstoffs Nickel Pig Iron (NPI) argumentiert. Doch wie die australische Investment- und Commodity-Bank Macquarie in ihrem Research schreibt, haben sowohl Chinesen, als auch Indonesier durchaus ihre Probleme. Die Chinesen agieren aktuell, so Macquarie, mit negativen Margen. Und die indonesischen Produzenten wissen nicht wohin mit den Produkten, nachdem die meisten Nationen, inklusive China, ihre Grenzen für Importe von Edelstahl aus Indonesien abgedichtet haben. Also desolate Märkte in Fernost.

Dagegen konnten die heimischen Hersteller zumindest bis zum zweiten Quartal noch mit positiven Zahlen und einer eigentlich auch vorsichtig positiven Guidance für das dritte Quartal überzeugen. So stiegen seit Jahresbeginn auch die im zweiten Halbjahr 2018 – im Sog der Konjunkturabschwächung und des Handelskriegs zwischen Amerika und China arg gebeutelten Aktienkurse – wieder deutlich an. Zuletzt kamen diese allerdings wieder unter Druck und bewegen sich in der Folge in schöner Korrelation mit den Twitter-Nachrichten von US-Präsident Trump bezüglich der sino-amerikanischen Handelsauseinandersetzung und anderer Baustellen sowie mit den volkswirtschaftlichen Rahmendaten. Das dürfte für die Anleger und Anteilsinhaber auch nicht weiter überraschend sein, denn konjunkturzyklische Aktienwerte, wie die der Stahlproduzenten, reagieren auf diese Parameter natürlich unmittelbar und entsprechend deutlich.

Bei der Diskussion über die derzeit, unverhältnismäßige Reduktion der Edelstahlschrottpreise wird gelegentlich durch die Verbraucher argumentativ auch die scheinbare Entkopplung der NPI-Preise in China und Indonesien vom LME-Nickel-Preis ins Feld geführt. Auch wenn empirisch tatsächlich zu beobachten ist, dass sich der NPI-Preis in letzter Zeit nicht völlig proportional zur Bewegung der Nickelkurse an der London Metal Exchange (LME) entwickelt hat, ist die vorstehende Behauptung nicht unbedingt richtig. Wie nämlich statistisch auch zu belegen ist, gibt es nach Analysen von Macquarie und anderen Analysten insbesondere in China ein erhebliches Überangebot an NPI.

Insbesondere haben die in China gegenüber Indonesien höheren NPI-Preise dazu geführt, dass in Indonesien bei der Auslastung der Aggregate teilweise auf die Produktion von Edelstahl zugunsten der NPI-Produktion verzichtet wird. Diese zusätzlichen NPI-Mengen werden im Sinne einer Arbitrage zum Abbau von Preisdifferenzen nach China exportiert. So profitieren die indonesischen NPI-Produzenten von den höheren Preisen dort. Diese kurzfristige Angebotsausweitung in China drückt natürlich auf den Preis von NPI.

Daraus lässt sich aber ökonomisch nur schwerlich ableiten, dass auch der Preis für alle anderen Nickelträger sinken muss. Und das aus folgenden Gründen: die LME, auch wenn sich diese zeitweise heute, aber auch immer wieder in der Vergangenheit, von den fundamentalen Verhältnissen abgekoppelt hat, ist weiterhin die weltweite Referenz für den Preis von Nickel. Den Unterschieden hinsichtlich der Güte der einzelnen Nickelprodukte – und das unabhängig davon, ob es sich dabei um LME-fähige Ware (LME brands) handelt oder nicht – wurde und wird durch entsprechende Auf- und Abschläge (premiums and discounts) Rechnung getragen. Ferner fließen in diese Auf- und Abschläge die jeweiligen Marktverhältnisse bei den Produkten hinsichtlich Angebot und Nachfrage sowie Verfügbarkeit ein.

Damit wird zum Beispiel aktuell in China der Umstand berücksichtigt, dass die Nachfrage schwächelt und andererseits ein Überangebot besteht. Dass derzeit bei Edelstahlschrott ein Überangebot besteht, ist in diesem Zusammenhang nicht zu erkennen. Auch kann es durchaus bei einzelnen Marktteilnehmern eine Agenda geben, die sich vom ökonomischen Kalkül entfernt oder sich vielleicht auch wegen langfristiger strategischer Überlegungen kurzfristig nicht erschließt. Als Beispiele wären die fortlaufenden, erheblichen Bestandsabnahmen der LME-Nickel-Lagerbestände zu nennen oder aber auch die Tatsache, dass Rohstoffe oder Edelstahlprodukte teilweise zu Dumpingpreisen angeboten werden.

Was in diesem Kontext aber durch entsprechende Regularien und die Aufsichtsbehörden gesichert werden muss, ist, dass nicht derjenige mit den tiefsten Taschen am Ende der Sieger ist. Das würde der Marktordnung und dem Marktverständnis in vielen Teilen der Welt zuwiderlaufen. Wenn das aber anderswo anders gelebt und gesehen wird, führt leider kein Weg an einem effektiven Schutz vor entsprechenden Marktverzerrungen vorbei. Daher sind die Anti-Dumping-Zölle kein Instrument gegen den freien Handel, sondern eine notwendige, wenn auch nicht wünschenswerte Maßnahme, zur Sicherstellung eines fairen Umfelds für alle Marktteilnehmer.

Schließlich darf man sich auch die Frage stellen, warum eigentlich der sogenannte „game-changer“ NPI nicht in Europa und anderen Ländern außerhalb Chinas und Indonesiens eingesetzt wird. Als Argument in Preisverhandlungen scheint dieser Rohstoff ja zu taugen, aber tut er es auch im praktischen Einsatz. Wenn es so wäre, dass – wie oben für China beschrieben – NPI auch in andere Ländern exportiert würde, um für die NPI-Produzenten Erträge durch Arbitrage zu optimieren, dann gäbe es tatsächlich einen gemeinsamen Markt und die anderen Rohstoffe müssten sich preismäßig entsprechend der Eigenschaften einordnen.

Da aber dieser Rohstoff faktisch gar nicht zur Verfügung steht und es mangels bilanzieller und finanzwirtschaftlicher Transparenz auch völlig unklar ist, wie es um die echte Profitabilität und Nachhaltigkeit von NPI und Edelstahl in China und Indonesien steht, muss man hinter diese Argumentation zumindest ein Fragezeichen machen. Wenn Macquarie zum Beispiel für Edelstahl in China von negativen Margen spricht, ist nicht auszuschließen, dass, wie oben beschrieben, durch einzelne Marktteilnehmer eine andere Agenda verfolgt wird. Außerdem gibt es, aus welchen Gründen auch immer, Subventionen auf der Rohstoff- und Energieseite, die den hiesigen Wettbewerbern nicht zur Verfügung stehen.

Diesen Zustand, der zu Fehlallokationen und Marktverzerrungen führt, kann man aber nur dadurch in den Griff bekommen, wenn man laut nach Maßnahmen der eigenen Regierungen ruft, was auch passiert. Auch kann man, wie gelegentlich in der Vergangenheit geschehen, über konzertierte Maßnahmen der gesamten Wertschöpfungskette zur Standortsicherung nachdenken. Das funktioniert aber nur, wenn Nutzen und Lasten auch einigermaßen gleich und fair verteilt sind. Wenn es nur darum geht, dass Kapitalmärkte und Endkunden profitieren, sind solche partnerschaftlichen (wie das Adjektiv schon sagt) Ansätze wenig realistisch. Unabhängig von nachvollziehbaren und legitimen Wünschen, nach dem niedrigsten Rohstoffeinkaufspreis auf der einen und dem höchsten Edelstahlverkaufspreis auf der anderen Seite, hat sich bisher immer die ökonomische Logik in Kombination mit jeweilig bestehender Verhandlungsmacht in Käufer- und Verkäufermärkten durchgesetzt. Und so wird es auch in dieser Phase sein.

Anfang Oktober berichtete das britische Unternehmen Earth-i in einer Pressemitteilung über den Start des SAVANT Global Copper Smelting Index, ein Index welcher die Entwicklung des globalen Kupfermarkts vorhersagen möchte. Dabei werden nicht Marktdaten ausgewertet, sondern Satellitenbilder von Kupferhütten. Mittels künstlicher Intelligenz werden diese Aufnahmen analysiert, um die jeweiligen Produktionsleistungen zu ermitteln. Ein möglicher Stillstand kann so schon erkannt werden, noch bevor ein Unternehmen überhaupt eine Pressemitteilung dazu publiziert. Glaubt man den Angaben des Unternehmens, so decken die Satelliten bis zu 90% der weltweiten Produktion ab. Da Kupfer, auch bekannt als „Doctor Copper“, in der verarbeitenden Industrie eine weite Anwendung findet, wird der Verbrauch des Metalls auch als Frühindikator für die Entwicklung der Weltwirtschaft betrachtet. Der Preisverfall von ca. 9% innerhalb der letzten 12 Monate ist daher auch ein Indikator für die Abkühlung der globalen Konjunktur.

LME (London Metal Exchange)

LME Official Close (3 Monate)
14. Oktober 2019
Nickel (Ni) Kupfer (Cu) Aluminium (Al)
Official Close
3 Mon.Ask
17.230,00
USD/mt
5.755,00
USD/mt
1.716,00
USD/mt
LME Bestände in mt
16. September 2019 14. Oktober 2019 Delta in mt Delta in %
Nickel (Ni) 164.274 94.134 – 70.140 – 42,70%
Kupfer (Cu) 301.925 277.350 – 24.575 – 8,14%
Aluminium (Al) 908.425 983.600 + 75.175 + 8,28%

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