Buckelwal sorgt für Schlagzeilen. In Deutschland und weltweit. Politik, Experten und Retter schalten sich ein. Wie konnte das passieren? Die Menschen sind es leid. Das Ende vom Lied war kein Walgesang.

FSW26 in Wiesbaden sorgt über Finanzthemen hinaus für Erhellung. China-Experte ruft zur Selbstreflektion auf. Nicht alle teilen Welt in Gut und Böse auf. Entwicklungspolitik kann auch ohne Moral erfolgreich sein.

In Krisenzeiten werden plötzlich Einsatzstoffe bekannt, von denen nur wenige wissen. Lieferketten sind gemeinhin komplexer als man annimmt. Das gilt auch für Nickel und Edelstahl. Es gibt aber einen Ausweg.

Bergbau steht vor Herausforderungen. Nachfrage nach kritischen Metallen steigt. Förderung ist aufwendig. So kommen die Abfälle des Bergbaus und deren Recycling in den Fokus. Nachhaltig ist das allemal.

Man kann es nicht mehr hören
Ein Thema beherrschte in den vergangenen Wochen zunächst die Regenbogenpresse in Deutschland, dann aber auch durchaus seriöse Tageszeitungen und Medien im In- und Ausland. Ein noch jugendlicher Buckelwal hatte sich bei der Verfolgung eines Heringsschwarms in die Ostsee verschwommen und war dort auf einer Sandbank gestrandet. Zunächst musste man sich die Augen reiben, denn solche Geschichten gewinnen vor allem in den Sommermonaten an Dynamik, wenn man auch von der Saure-Gurken-Zeit – einer nachrichtenarmen, ereignislosen Zeit – spricht. Aber jetzt schon im April und Mai, wo sich im Sekundentakt Meldungen und Posts auf Social Media ablösen?

So gab es im Sommer in Deutschland schon Krokodile in Baggerlöchern, oder einen Killerwels, der angeblich einen Dackel gefressen hatte. Doch dieses Mal war es anders. Der Wal bekam einen Namen, nämlich Timmy, die Politik bis hin zum Umweltminister schaltete sich ein, ebenso zahlreiche Retter und tatsächliche und selbsternannte Experten sowie Millionäre, die eine Rettungsmission für den Wal finanzierten. Der Rest ist vermutlich hinlänglich bekannt. Faszinierend, wie der durch den Namen personifizierte Buckelwal über Wochen Emotionen weckte und die Schlagzeilen prägte.

Doch warum sprechen wir darüber? Jetzt könnte man sagen, es gibt doch genug Probleme, wieso beschäftigt man sich dann mit so einem Nonsens. Vielleicht gerade wegen der gegenwärtigen Sorgen und Probleme. Die Aufladung und große Resonanz des Publikums lag vermutlich daran, dass man die ständigen Nachrichten aus Krisengebieten und von politischen Hoch- und Niedrigstaplern einfach satt hatte. Die Menschen wollten endlich einmal etwas anderes lesen, sehen oder hören. Nicht wenige Leute haben sich inzwischen selbst, zumindest teilweise, Medien- und Social Media-Abstinenz verordnet, um nicht Angststörungen zu entwickeln oder in Depressionen zu verfallen.

Schließlich wurde der Wal tatsächlich wieder in die Nordsee geschleppt und dort freigelassen. Er prustete noch zwei bis drei Mal durch sein Atemloch und ward danach nicht mehr gesehen oder geortet, denn dummerweise war der angebrachte Tracker defekt. Und so verschwand die erhoffte Entspannung und Zerstreuung am Ende im gleichen Nichts, aus dem sie am Anfang gekommen war. Doch es kam noch schlimmer. Nur wenige Zeit später wurde ein Walkadaver vor Dänemark gesichtet. Auch belanglose Geschichten enden nicht immer gut.

China taugt auch zur Selbstreflektion
Auch ein Moderator auf dem Finanzsymposium 2026 (FSW26) in Wiesbaden, welches früher in Mannheim stattfand, dem größten seiner Art in Europa und Stelldichein der führenden Banken und Finanzleute aus Deutschland und Europa, musste zugeben, dass er den Nachrichten aus Überdruss manchmal kaum noch folgen wolle. Zum Glück hatte das FSW26 Frank Sieren eingeladen, der ein profunder Chinakenner und -experte ist. Und zwar nicht nur deswegen, weil ihn die Medien so betitelt haben, sondern weil er seit rund 30 Jahren in China lebt und arbeitet.

In seinem Impulsvortrag und dem folgenden Interview hatte der durchaus bekannte Referent nicht nur etwas zu China zu sagen, sondern hatte sich aus der Distanz – oder man könnte auch sagen Reisender zwischen zwei Welten – auch viele Gedanken über die Lage in Deutschland und das Verhältnis von China zu anderen Nationen gemacht. Es würde hier zu weit führen alles zu wiederholen, aber einige Aussagen sind es wert wiedergegeben zu werden, denn diese regen im besten Sinne zur Reflektion an und sorgen für eine Erweiterung des geistigen Horizonts.

So meinte Sieren, dass die in der deutschen und europäischen Politik gängige Aufteilung in Gut und Böse, uns am Ende daran hindert uns auch ernsthaft mit unseren eigenen Schwächen zu beschäftigen. So wie wir hierzulande bei bestimmten Staaten regelmäßig von der Achse des Bösen sprechen, wäre diese durch die Brille Chinas eher als Achse des Pragmatismus zu bezeichnen. Das heißt, selbst wenn man gewisse Staaten nicht wirklich mag, können diese einem dennoch nützlich sein.

So mögen die Chinesen die Mullahs im Iran auch nicht besonders, weil diesen insbesondere die enge Verbindung von Politik und Religion suspekt und auch sehr nachteilig erscheint, wenn es um die Erreichung von Fortschritt und Dynamik sowie wirtschaftliche Prosperität geht. Andererseits möchten die Chinesen auch nicht, dass der Nahe und Mittlere Osten von den USA oder einer nahestehenden Regionalmacht dominiert wird. Hierzu passend konnte man in der Zeitung lesen, dass sich Trump und Xi bei dem Treffen in China einig waren, dass die Straße von Hormus offenbleiben müsse und nicht von dem Iran kontrolliert werden dürfte.

Ebenso glaubt Frank Sieren, dass die Chinesen auch Putin inzwischen nicht mehr besonders mögen, da er China gegenüber hinsichtlich seiner Kriegsziele in der Ukraine nicht ehrlich war. Dennoch unternimmt die chinesische Regierung derzeit nichts zur Disziplinierung Moskaus, da man eine sehr lange Grenze mit Russland hat und durch einen Konflikt Ressourcen gebunden würden, die man lieber für andere Zwecke bereithält. Hoffentlich nicht für Taiwan, denkt sich der hiesige Autor.

Die schlichte Strategie von China läge darin, so der Chinaexperte, Putin, im übertragenen Sinne, so stark zu umarmen, dass er keine Luft mehr kriegen könne. Auf der einen Seite möchten die Chinesen nicht, dass die Ukraine wieder russisch werde, aber sicher auch nicht, dass sich das Land der EU und der NATO anschließen würde. Es wäre einfach wichtig und sinnvoll, immer mal wieder auch den Blickwinkel zu ändern, um daraus neue Erkenntnisse und ein besseres Verständnis für die Ziele und Befindlichkeiten der verschiedenen weltpolitischen Parteien zu entwickeln.

Nicht selten würde von Chinas neuer Weltordnung gesprochen. Tatsächlich sei es doch aber so, dass es früher eine Dominanz der westlichen Minderheit (Europa und USA) über die anderen Länder der Erde gegeben hätte. Nun sei, was die wirtschaftliche Entwicklungsdynamik angeht, der globale Süden an der Reihe, der gleichzeitig auch die Mehrheit der Weltbevölkerung darstellen würde. Während zusätzlich in dieser Zeit der Süden näher zusammenrückt, driftet der „Westen“ auseinander.

So stehen der Protektionismus der USA und die grundsätzliche Handelsorientierung der EU in einem gewissen Gegensatz, der den Westen schwächt und den sich China zunutze macht. Immer die eigenen wirtschaftlichen Interessen fest im Blick, umgarnt China den globalen Süden mit Investitionen in Infrastruktur und in andere für die chinesische Wirtschaft relevante Bereiche, wie zum Beispiel kritische Rohstoffe (teilweise auch über die Regeln des Anstands und der Fairness hinaus), während Europa einer moralisch orientierten, aber eher wirkungslosen Entwicklungshilfe und -politik folgt. Der Vortrag von Frank Sieren war einen Besuch wert. Prädikat erhellend.

Auch unterstützt durch die wieder stärkere Industrieproduktion in China und anderswo, konnten sich die Nickelpreise an der London Metal Exchange (LME) in den vergangenen vier Wochen zeitweise weiter befestigen. Lag die Nickelnotierung für den 3-Monats-Future Mitte April bei USD 18.200,00/mt, konnte seitdem ein neues Hoch von USD 20.000,00/mt erreicht werden. Dieses währte aber nur sehr kurz, denn zunehmend gibt es Zweifel hinsichtlich eines baldigen Endes des USA/Israel-Iran-Konflikts und der Öffnung der wichtigen Straße von Hormus auf dem Verhandlungsweg. Derzeit handelt Nickel in London bei USD 18,500,00/mt, in etwa auf halbem Weg von dem Plafond von USD 17,000,00/mt, von dem aus im April 2026 der Anstieg begann.

Die unterschätzte Lieferkette hinter Edelstahl
Bereits in der letzten Ausgabe hatten wir auf die Risiken in der Schwefel- und Schwefelsäureversorgung hingewiesen. Damals ging es vor allem um die Auswirkungen auf den Nickelmarkt. Inzwischen zeigt sich jedoch immer deutlicher, dass hinter vielen industriellen Lieferketten weit mehr Abhängigkeiten stehen, als es auf den ersten Blick scheint.

Der Krieg gegen den Iran und die Schließung der Straße von Hormus haben nicht nur die Energie- und Aluminiummärkte durcheinandergebracht. Zunehmend geraten auch die Lieferketten von Kupfer und Nickel unter Druck – und damit letztlich auch die Versorgung mit Edelstahl.

Der Grund dafür liegt bei einem Stoff, der normalerweise kaum Aufmerksamkeit bekommt: Schwefel. Rund ein Viertel der weltweiten Schwefelproduktion stammt aus dem Nahen und Mittleren Osten, vor allem als Kuppelprodukt der Öl- und Gasförderung. Seit die Straße von Hormus Ende Februar geschlossen wurde, gelangt deutlich weniger Schwefel auf den Weltmarkt.

Für die Edelstahlindustrie ist das deshalb relevant, weil Nickel in vielen Produktionsverfahren nicht einfach direkt aus dem Erz gewonnen werden kann. Besonders bei den in Indonesien verbreiteten HPAL-Anlagen (High-Pressure Acid Leach) wird Nickel mithilfe großer Mengen Schwefelsäure aus dem Erz gelaugt. Für eine Tonne des Zwischenprodukts MHP, aus dem später Nickel und Kobalt gewonnen werden, werden laut Schätzungen 25 bis 30 Tonnen Schwefelsäure benötigt.

Indonesien ist heute der wichtigste Nickelproduzent der Welt und bezieht aber gleichzeitig rund drei Viertel seines Schwefelbedarfs aus dem Nahen Osten. Gleichzeitig importiert das Land auch Schwefelsäure aus China. Doch China plant einen Exportstopp für Schwefelsäure, um die heimische Landwirtschaft zu schützen. Schwefel und Schwefelsäure werden in großen Mengen auch für Düngemittel benötigt, weshalb Regierungen diesen Bereich im Zweifel priorisieren werden. Bereits heute hat auch die Türkei Exportbeschränkungen eingeführt, während Indien ähnliche Maßnahmen prüft.

Damit verschärft sich die Lage weiter. Erste indonesische Nickelproduzenten sollen ihre Auslastung bereits reduziert haben, weil Schwefel und Schwefelsäure knapp werden. Anders als bei Kupfer, wo sich Produktionsausfälle oft erst mit Verzögerung bemerkbar machen, dürfte der Effekt im Nickelmarkt deutlich schneller sichtbar werden.

Die steigenden Schwefelpreise treiben zudem die Kosten massiv nach oben. Schätzungen zufolge hat allein der Anstieg der Schwefelpreise seit Jahresbeginn die Produktionskosten von HPAL-Nickel in Indonesien um rund USD 4.000,00/mt erhöht. Die gesamte Kostenbasis dieser Produzenten liegt damit inzwischen bei etwa USD 14.500,00/mt bis USD 18.000,00/mt. Die höheren Schwefelpreise, aber auch die Verfügbarkeit ganz grundsätzlich wirken damit direkt auf die Wirtschaftlichkeit der Nickelproduktion und erhöhen den Kostendruck entlang der gesamten Lieferkette.

Für die Edelstahlindustrie bedeutet das: Selbst wenn die Nachfrage unverändert bleibt, kann die Versorgung mit Nickel plötzlich zum Engpass werden, weil ein vermeintlich nebensächlicher Rohstoff fehlt. Das zeigt einmal mehr, wie tief und komplex industrielle Lieferketten inzwischen geworden sind. Oft entscheidet nicht der eigentliche Hauptrohstoff über die Verfügbarkeit eines Produkts, sondern ein Stoff, den außerhalb der Branche kaum jemand auf dem Radar hat.

Für die Edelstahlindustrie rückt damit zugleich die Bedeutung von Edelstahlschrott noch stärker in den Vordergrund. Schrott ist nicht nur ein wichtiger Recyclingrohstoff, sondern enthält bereits Nickel und andere Legierungselemente, die erneut genutzt werden können. Eine hohe Verfügbarkeit und ein erhöhter Einsatz von Edelstahlschrott kann daher helfen, mögliche Engpässe bei Primärnickel abzufedern.

Bergbau entdeckt seine Abfälle neu – Recycling rückt in den Fokus
Die weltweite Energiewende benötigt enorme Mengen an Kupfer und anderen kritischen Metallen. Doch die Bergbauindustrie steht vor großen Herausforderungen: Die Erzgehalte in bestehenden Bergwerken sinken, neue Vorkommen sind selten und die Zeit von Exploration, Genehmigung und Erschließung neuer Lagerstätten beträgt oft viele Jahre. Umso wichtiger wird es, bestehende Prozesse effizienter zu machen – und dabei auch Abfallstoffe als Rohstoffquelle neu zu bewerten.

Ein zentrales Thema sind dabei sogenannte Tailings Ponds. Darunter versteht man riesige Absetzbecken, in denen nach der Erzaufbereitung schlammartige Rückstände – die sogenannten Tailings – eingelagert werden. Diese Rückstände enthalten zwar oft noch wertvolle Metalle, wurden aber bislang nicht wirtschaftlich genutzt. Weltweit haben sich über Jahrzehnte Milliarden Tonnen dieser Abfälle angesammelt.

Unternehmen wie Rio Tinto konnten bereits Metalle wie Scandium oder Tellurium aus bestehenden Abfallströmen gewinnen. Andere setzen auf die Wiederaufbereitung alter Minenstandorte. So prüft Hudbay Minerals in Kanada die erneute Nutzung von Tailings aus fast 100 Jahren Bergbaugeschichte, während Hindustan Zinc in Indien über 400 Millionen Dollar in eine großtechnische Anlage investiert, um jährlich zehn Millionen Tonnen Rückstände zu verarbeiten.

Neben solchen Projekten zur „zweiten Nutzung“ von Bergbauabfällen arbeiten Technologiekonzerne an Verfahren, die künftig weniger Abfälle entstehen lassen. Glencore Technology verbessert seine Mahltechnik, um Wasser zu sparen und Rückstände zu reduzieren. Das US-Unternehmen Allonnia wiederum setzt Mikroben ein, die gezielt störende Stoffe herauslösen können. Auch künstliche Intelligenz spielt eine wachsende Rolle: Digitale Zwillinge, Prozessoptimierungen und vorausschauende Steuerungen steigern die Ausbeute und senken gleichzeitig Kosten.

Die Branche steht damit vor einer stillen Revolution, die aus Abfällen wertvolle Ressourcen machen könnte. Das Potenzial ist riesig – allein zwischen 1910 und 2010 blieben laut einer Studie des Fraunhofer-Instituts rund 100 Millionen Tonnen Kupfer in Absetzbecken liegen.

Doch so vielversprechend die Entwicklung ist: Die Bergbauindustrie steht beim Recycling noch ganz am Anfang. Von den beeindruckend hohen Recyclingquoten der Edelstahlbranche ist sie weiterhin weit entfernt.

LME (London Metal Exchange)

LME Official Close (3 Monate)
15. Mai 2026
  Nickel (Ni) Kupfer (Cu) Aluminium (Al)  
Official Close
3 Mon.Ask
18.580,00
USD/mt
13.600,00
USD/mt
3.580,00
USD/mt
 
LME Bestände in mt
  15. April 2026 15. Mai 2026 Delta in mt Delta in %
Nickel (Ni) 278.064 275.778 – 2.286 – 0,82 %
Kupfer (Cu) 402.625 395.725 – 6.900 – 1,71 %
Aluminium (Al) 393.775 344.000 – 49.775 – 12,64 %

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